Mikroplastik – das sind kleinste Kunststoffteilchen, die oftmals mit bloßem Auge kaum zu erkennen sind. Der Großteil dieser Partikel entsteht durch größere Plastikabfälle, die langsam zu Mikroplastik zerfallen. Mikroplastik ist aber auch in einigen Produkten enthalten. Unter anderem werden kosmetische Produkte als Verursacher diskutiert.
Kelly Scherer ist staatlich geprüfte Lebensmittelchemikerin und wissenschaftliche Koordinatorin beim Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel e. V. (IKW). In dieser Funktion begleitet sie Gesetzgebungsprozesse im Chemikalienrecht, die zunehmend auch für kosmetische Produkte relevant sind..
haut.de: Welche Rolle spielt Mikroplastik aus kosmetischen Produkten bei der Verschmutzung der Meere mit Kunststoffen und was unternehmen die Hersteller dagegen?
Kelly Scherer: Kosmetische Produkte spielen – anders als in der Öffentlichkeit oft dargestellt – bei der Verschmutzung der Meere mit Mikroplastik eine untergeordnete Rolle. Das belegt auch eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik zum Thema Kunststoffe in der Umwelt. Wissenschaftliche Schätzungen gehen von einem geringen mengenmäßigen Anteil zwischen 0,1 und 1,5 Prozent an Mikroplastik aus kosmetischen Produkten am Gesamteintrag in die Nordsee aus.
Die Kosmetikhersteller sind sich der Bedeutung eines umfassenden Gewässerschutzes sehr bewusst und unterstützen europäische und weltweite Maßnahmen, um die Mengen an Plastik, die zur Verunreinigung der Meere beitragen, zu reduzieren. So hatte Cosmetics Europe, der europäische Dachverband der Kosmetikindustrie, bereits im Oktober 2015 allen seinen Mitgliedern empfohlen, bis 2020 feste, nicht abbaubare Kunststoffpartikel, die in abzuspülenden kosmetischen Produkten aufgrund ihres Reinigungs- und Peelingeffekts eingesetzt werden, durch alternative Stoffe zu ersetzen. Dieser Empfehlung ist die Kosmetikindustrie sehr frühzeitig gefolgt. Die Menge an Kunststoffpartikeln zu Reinigungs- und Peelingzwecken hatte sich laut einer Umfrage von Cosmetics Europe bis 2017 bereits um 97 Prozent reduziert. Damit ist die Kosmetikindustrie einem EU-weiten Verbot von Mikroplastik in diesen Produkten, das seit Oktober 2023 gilt, schon zuvorgekommen.
haut.de: Dieser freiwillige Verzicht bezieht sich auf abwaschbare Produkte. Warum waren feste Kunststoffpartikel in anderen Produkten bisher nicht Teil der freiwilligen Ausstiegspläne der Kosmetikhersteller?
Kelly Scherer: Die wissenschaftliche Kritik an Mikroplastik bezieht sich vorrangig auf feste Kunststoffpartikel, die durch Abspülen ins Abwasser gelangen können. Das ist beispielsweise bei abwaschbaren Peeling-Produkten der Fall. Die Kosmetikhersteller hatten sich beim Austausch von Mikroplastik daher zunächst auf die Stoffklasse der Peeling-Partikel konzentriert, da diese den mengenmäßig größten Anteil an Kunststoffpartikeln in abwaschbaren kosmetischen Produkten ausmachten.
Leave-on-Produkte – das sind Produkte, die nach dem Auftragen auf der Haut oder dem Haar verbleiben – werden typischerweise nicht abgewaschen. Sie werden zum Beispiel durch Abschminken über den Hausmüll entsorgt und gelangen somit überwiegend nicht ins Abwasser.
haut.de: Gibt es gesetzliche Beschränkungen für Mikroplastik in kosmetischen Produkten?
Kelly Scherer: Ja, die Verwendung von festen Mikrokunststoffpartikeln ist in der Europäischen Union seit Oktober 2023 in vielen Anwendungsbereichen beschränkt, u. a. in abwaschbaren Peelingprodukten. Da die Umstellung auf Alternativen in anderen Produkten mit größeren Herausforderungen verbunden ist, laufen dazu noch Übergangsfristen bis spätestens 2035. Im Bereich der Kosmetikprodukte endet die nächste Frist für den Abverkauf von abwaschbaren Produkten, die Mikroplastik beispielsweise als Trübungsmittel enthalten, im Oktober 2027. In Leave-on-Produkten gilt die Beschränkung fester Mikrokunststoffpartikel ab 2029. Die längsten Übergangsfristen bis 2035 wurden Make-up-, Lippen- und Nagelprodukten gewährt, da diese in der Regel nicht ins Abwasser gelangen.
haut.de: Welche alternativen Stoffe werden die Kosmetikhersteller anstelle des Mikroplastiks zukünftig einsetzen?
Kelly Scherer: Die Kosmetikhersteller arbeiten intensiv an alternativen Lösungen. Es gibt heute bereits eine Reihe von alternativen Stoffen, um feste Mikrokunststoffpartikel zu ersetzen. So werden Peeling-Partikel zum Beispiel durch Walnussschalen und andere Fruchtschalen ersetzt. Auch Wachse, Zellulose oder mineralische Stoffe kommen zum Einsatz. Und auch in Bezug auf Kunststoffpartikel, die als Trübungsmittel in abwaschbaren kosmetischen Produkten eingesetzt werden, arbeiten die Hersteller sehr aktiv an Alternativen.
Für andere Mikroplastik-Inhaltsstoffe, beispielsweise in Leave-on-Produkten wie Make-up, Lippen- und Nagelprodukten, gibt es gegenwärtig jedoch nur in Einzelfällen alternative Lösungen. Das liegt daran, dass die Mikroplastik-Inhaltsstoffe häufig essenziell sind. So tragen beispielsweise die eingesetzten Mikrokunststoffpartikel in Puder ganz wesentlich dazu bei, dass das Puder gut auf der Haut haftet. Geeignete Alternativen zu diesen Stoffen, die genauso leistungsfähig, hautverträglich und haltbar sind, sind bisher nur für Einzelfälle verfügbar.
haut.de: Wie können Verbraucher Mikroplastik in kosmetischen Produkten erkennen?
Kelly Scherer: Dies ist zugegebenermaßen nicht ganz einfach. Anhand der Inhaltsstoffliste lässt sich nicht ablesen, ob die Stoffe in Form von Partikeln vorliegen und es sich somit um Mikroplastik handelt. Die von einigen Einkaufsratgebern als Hinweis auf Mikroplastik genannten Stoffverbindungen sind häufig kein Mikroplastik. Es handelt sich hierbei vielfach um synthetische Polymerverbindungen, die jedoch in gelöster Form vorliegen und somit kein Mikroplastik darstellen. Anders als feste Kunststoffpartikel tragen gelöste Polymerverbindungen nach der Meinung von Experten nicht signifikant zu einer Verschmutzung der Meere bei und werden zudem überwiegend in Kläranlagen herausgefiltert. Ab Oktober 2031 müssen Make-up-, Lippen- und Nagelprodukte, die Mikroplastik als Inhaltsstoffe enthalten, mit dem Hinweis „Dieses Produkt enthält Mikroplastik“ gekennzeichnet werden. Spätestens ab 2035 gilt jedoch auch für diese wie für alle anderen Kosmetikprodukte die Beschränkung von Mikrokunststoffpartikeln, die in die Umwelt freigesetzt werden können.
Vielen Dank für das Gespräch!
Weitere Fragen und Antworten zu Mikroplastik in Kosmetika sowie Informationen zu möglichen Umweltauswirkungen finden Sie auf der Website www.ikw.org.





