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Fluoride in Zahncreme - Was bewirken sie?

Prof. Dr. Stefan Zimmer, Universität Witten/Herdecke
Lehrstuhl für Zahnerhaltung und Präventive Zahnmedizin
Zahnpflege und die präventive Wirkung von regelmäßigen Maßnahmen gegen Karies und andere Erkrankungen dienen der Gesundheitsvorsorge.
Gelegentlich gerät der Inhaltsstoff „Fluorid“ in den Fokus kritischer Verbraucher, weil ihm gesundheitliche Gefährdungen unterstellt werden. Auslöser sind meist Medienbeiträge oder im Internet verfügbare Diskussionsbeiträge, die teilweise tatsächliche oder angebliche wissenschaftliche Erkenntnisse zitieren. haut.de geht diesem Thema im Gespräch mit Herrn Prof. Dr. Stefan Zimmer vom Lehrstuhl für Zahnerhaltung und Präventive Zahnmedizin an der Universität Witten/Herdecke nach.

haut.de: Herr Professor Zimmer, welche Bedeutung haben Fluoride in Zahncremes und welche Wirkungsweise geht von ihnen aus?

Prof. Zimmer: Aus zahnmedizinischer Sicht hat Fluorid in Zahncremes eine sehr große Bedeutung, denn für die Vermeidung von Karies ist es unverzichtbar. Bei einer notwendig bevölkerungsbezogenen Betrachtung der Zahngesundheit ist das Spurenelement Fluorid in Bezug auf die Kariesprävention von größerer Bedeutung als die rein mechanische Entfernung bakterieller Zahnbeläge (Plaque) durch die Zahnbürste. Fluorid ist der absolut wichtigste Inhaltsstoff von Zahncremes, denn er hilft bei der Mineralisierung an der Zahnoberfläche. Bei der in unseren Ländern üblichen zuckerreichen Ernährung, verbunden mit der Tatsache, dass es im Rahmen der häuslichen Mundhygiene kaum möglich ist, vollkommene Plaquefreiheit herzustellen, verliert der Zahnschmelz über den Tagesverlauf ständig an Mineralgehalt. Dies geschieht, weil die Plaquebakterien an der Zahnoberfläche Zucker zu Säuren abbauen, die wiederum die Zahnhartsubstanz entkalken. Da ist es hilfreich, dass sich im Speichel ein Vorrat an Mineralstoffen befindet, der im Umfeld der Zähne für eine regelmäßige Remineralisierung sorgt. Dieser Prozess wird durch das Vorhandensein von kleinen Fluoridmengen enorm gefördert. Daher ist Fluorid unverzichtbar.

haut.de: Gibt es einen messbaren Erfolg für den Einsatz von Fluoriden in Zahncremes hinsichtlich drohender Zahnerkrankungen?

Prof. Zimmer: Die Qualität der Mundhygiene in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, ist leider recht unzureichend, aber allein der zweimal tägliche Kontakt von Zähnen mit Fluorid bewirkt über 30 Prozent an Karieshemmung. Dieser Schutzeffekt wird in zahlreichen wissenschaftlichen Studien belegt.
Eine schlecht funktionierende Remineralisierung im Zahnschmelzbereich führt langfristig zu Karies, die in ihrem Anfangsstadium in Form weißer Flecken an der Zahnoberfläche sichtbar wird. Hier besteht die Gefahr einer Verwechslung, denn weiße Flecken können auch Hinweise auf eine Fluorose sein, eine entwicklungsbedingte Schädigung des Zahnschmelzes. Bei genauer Betrachtung zeigen sich aber Unterschiede: Die weißen Flecken der Fluorose weisen eine linienartige Struktur auf, weiße Flecken als Vorläufer von Karies haben diese Linienstruktur nicht.
Die Fluorose ist Folge einer Überdosierung von Fluoriden. Die kann zustande kommen, wenn ein Zuviel an Fluoridtabletten eingenommen wird oder der Fluoridgehalt im Trinkwasser sehr hoch ist. Fluorose ist aber nicht als substantielle Schädigung zu bewerten, sie ist eher ein ästhetisches, aber kein gesundheitliches Problem. Sie ist nur recht selten anzutreffen und kann sich nur bis zum Lebensalter von etwa sechs Jahren entwickeln. Danach sind die Zähne „fertig mineralisiert“. Wenn später weiße Flecken auftauchen, sind sie ein Beleg für eine sich entwickelnde Karieserkrankung.
Mit der Verwendung einer fluoridhaltigen Zahncreme hat die Fluorose nur selten zu tun, denn im Normalfall wird Zahncreme ja wieder ausgespuckt und nicht verschluckt. Trotzdem werden für das Alter, in dem Fluorose entstehen kann (etwa bis zum 6. Geburtstag) spezielle Kinderzahncremes mit reduziertem Fluoridgehalt empfohlen. Es gelangt also nur ein geringster Bruchteil des Zahncremefluorids in den Organismus. Fluorose kann übrigens auch an den Knochen entstehen, und zwar anders als an den Zähnen lebenslang. Allerdings müsste Fluorid in einem Zeitraum von mehr als zehn Jahren extrem überdosiert (10 bis 25 Milligramm pro Tag) in den Körper gelangen, um erste Zeichen einer Knochenfluorose zu verursachen. Mit der normalen Zahnpflege gelingt das nicht.

haut.de: Wie schätzen Sie die gelegentlich anzutreffende kritische Haltung von Verbrauchern gegenüber Fluoriden ein? Ist eine gesundheitliche Beeinträchtigung durch die regelmäßige Verwendung von fluoridhaltigen Zahncremes gegeben?

Prof. Zimmer: Die lokale Anwendung von Fluoridzahncremes hat einen nachweisbaren starken Effekt auf die Vermeidung von Karies. Keine andere zahnpflegende Maßnahme zeigt diesen Erfolg des Mineralisierungsprozesses an der Zahnoberfläche. Fluorid kann lediglich in der Phase der Schmelzbildung und Schmelzreifung, also etwa bis zum 6. Lebensjahr bei überdosierter Anwendung einen negativen Einfluss auf die Zahnhartsubstanz ausüben. Die Skepsis einiger Menschen gegenüber Fluorid ist wahrscheinlich das Ergebnis einer Begriffsverwechslung. Fluorid ist nicht gleich Fluor. Fluor ist tatsächlich sehr giftig und es hat tatsächlich „fressende Kraft“, aber für Fluorid gilt dies nicht. Bei einer wissenschaftlich fairen und offenen Betrachtung des Handlungsfeldes „Fluorid“ wird man auch mit Studien konfrontiert, die dem Spurenelement bei deutlicher Überdosierung während der Entwicklung des Fötus im Mutterleib eine allerdings sehr geringe Reduzierung des Intelligenzvermögens nachsagen. Diese Metastudien beziehen sich allerdings auf ältere Untersuchungen, bei denen hohe Fluorid-Konzentrationen durchs Trinkwasser, also systemisch aufgenommen wurden. Mit der Fluoridwirkung in Zahncremes hat das nichts zu tun. Andere eher kritische Stimmen behaupten, Fluorid wird vornehmlich verwendet, weil es ansonsten für diesen in der Aluminiumproduktion entstehenden Stoff keine geeignete Entsorgungsform gäbe. Ich habe bezüglich der Herkunft von Fluorid für die Zahncremeherstellung mal nachgeforscht. Einen Beleg für die „Entsorgungsthese“ habe ich dabei nicht gefunden. Die auf dem europäischen Markt anzutreffenden Zahncremes verwenden Fluoride, die aus dem natürlichen Vorkommen im Erdreich gewonnen werden.

haut.de: Bestehen für Fluoride in Zahncremes stoffliche Alternativen, die einen vergleichbaren Wirkungserfolg gewährleisten?

Prof. Zimmer: Klare Antwort: NEIN. Man könnte vom Prinzip her auch andere Minerale nehmen, zum Beispiel Calcium-Phosphat, und in manchen Produkten geschieht das auch. Aber ein vergleichbarer Kariesschutz wie bei Fluorid ist klinisch nicht nachgewiesen und wahrscheinlich müsste man wesentlich höhere Konzentrationen einsetzen.

haut.de: Welche Zahnpflege im Sinne der zahngesundheitlichen Vorsorge empfehlen Sie für Babies bzw. Kleinkinder, Kinder ab 6 Jahren und Jugendliche?

Prof. Zimmer: Ab dem ersten Erscheinen von Zähnen, also so ab dem sechsten bis achten Lebensmonat ist damit zu rechnen, sollten fluoridhaltige Zahncremes zum Einsatz kommen. Der Fluoridanteil von Zahncremes ist in Europa durch die geltende Kosmetikverordnung festgelegt: höchstens 0,15 Prozent, bei Kinderzahnpasten gibt es eine Empfehlung in Deutschland höchstens 0,05 Prozent einzusetzen. Die Angabe auf der Zahnpastatube erfolgt in der Regel in „parts per million (ppm)“ 0,15% entsprechen 1500 ppm, 0,05% also 500 ppm. Durch diese Anwendung konnte in den letzten Jahren bei Zwölfjährigen ein Rückgang von Karieserkrankungen von bis zu 80 Prozent erreicht werden. Allerdings ist der Befall von Karies im Milchzahngebiss, also bei Kindern unter sechs Jahren, nur um 30 Prozent reduziert worden. Hier haben wir also einen Nachholbedarf und müssen daran arbeiten, die Zahngesundheit auch der Milchzähne weiter zu verbessern. Denn auch sie erfüllen enorm wichtige Funktionen für das Kind. Fehlende Milchzähne können zu einer Störung der Sprachentwicklung, des Kieferwachstums und der Kaufunktion führen. Außerdem werden Kinder, deren Milchschneidezähne nur noch schwarze Stummel sind, oft von andern Kindern gehänselt. Im Kleinkind- und Kindesalter halte ich es für wichtig, dass die optimale Menge an Zahncreme verwendet wird. Früher wurde bereits ab dem Durchbruch des ersten Milchzahnes, der in der Unterkiefer-Front erscheint, eine erbsengroße Menge empfohlen, diese „Masse“ können zahnpflegende Eltern oder Kinder aber auf der vorhandenen Zahnoberfläche in einem Kindermund gar nicht unterbringen. Deshalb reicht bei Kindern ein „Tubenabstrich“ der Zahncreme bei wenigen Zähnen und wenn noch keine Backenzähne vorhanden sind völlig aus. Die reduzierte Menge reduziert auch das Risiko des Hinunterschluckens im Kleinkindalter. Ansonsten bleibt nur die Empfehlung: Mindestens zweimal täglich mit fluoridhaltiger Paste, denn die Remineralisierung des Zahnschmelzes braucht es und die Beseitigung von Zahnbelag ist unerlässlich.

Vielen Dank für das Gespräch!



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